Agrarexporte

Manfred
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Re: Agrarexporte

Beitrag von Manfred » 04.11.2019, 06:48

Viktualia hat geschrieben:
03.11.2019, 11:13
(O.T.: hab ich da grad den Bauernstand, als "Landschaftspfleger mit Liebe zu ihren Geschöpfen" zu Vorreitern einer (absolut notwendigen) neuen "Herrschaftskultur" erklärt? Ich glaube, ja.
"Agrarexport" der etwas anderen Art - Zivilisation 2.0.
Regeneration für alle!)
Zumindest scheinen die Bauern die Einzigen zu sein, die ernsthaft daran arbeiten, während die einschlägigen NGOs und die Regierung, von denen ich eigentlich erwarten würde, diese Entwicklung nach Kräften zu fördern, alles tun, um sie zu bremsen.
Aber aus den Systemwissenschaften wissen wir ja inzwischen, woran das liegt und dass sich das erst ändern kann, wenn eine kritische Masse der Bevölkerung die Konzepte der regenerativen Landwirtschaft verstanden hat und befürwortet. Bis dahin müssen wir uns gegen diese Bremsklötze weiterentwickeln.
Aber ich bin guter Dinge. In Australien und Nordamerika ist die Entwicklung bereits weit fortgeschritten. In D fängt selbst die konservative Agrarpresse an, zu berichten. Die Tage kam von Savory-Institute die Meldung, dass Al Gore jetzt auch zum Befürworter regenerativer Praktiken geworden sei und seine eigene Ranch auf holistic planned grazing umstelle. Das Wissen fängt also an, auch in der Führungskaste der Politik- und Naturschutzszene in Nordamerika anzukommen.

Aber nochmal zum Thema der Exporte.
Unter unseren politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ist aktuell ja die intensive tierische Veredelung, abgesehen von einigen Nischenmärkten, der einzige Bereich der Landwirtschaft, der auch ohne Subventionen funktionieren würde (dann halt mit etwas niedrigeren Pachtpreisen).
Dieser Zweig soll aber offenbar nach dem Willen der Politik ausgerottet werden. Offen mag man das nicht sagen, dreht aber im Hintergrund alle Stellschrauben, um das zu erreichen, z.B. indem man die Errichtung neuer Güllebehälter durch Genehmigungsauflagen, die nicht mal mehr die Behörden selbst verstehen und nicht wissen, wie sie diese umsetzen und bewilligen sollen, unmöglich macht und gleichzeitig die vorgeschriebene Lagerkapazität je Vieheinheit erhöht.
Zumindest in Bayern steht der Güllebehälterbau aktuell praktisch komplett still. Bauern, die mitten in größeren Stallbauprojekten feststecken, werden wohl pleite gehen, sofort sie nicht durch Flächenverkauf die bereits angelaufenen Kredite tilgen können.
In Europa gehen nicht ohne Grund zehntausende Bauern auf die Straße.
In den Niederlanden sind sie im Daueraufstand. Inzwischen haben sich dem diverse Speditionen angeschlossen.
Die deutsche "Leitpresse" berichtet natürlich nicht.

Was hindert uns daran, die Agrarpolitik so zu ändern, dass wir zunächst unsere eigene Versorgung mit Agrarprodukten auf regenerative Weise sicherstellen? Dann würde sich die Fragestellung der Exporte eh weitgehend von selbst erledigen. Umgekehrt bräuchten wir dafür aber selbst einen konsequenten Außenschutz gegen Produkte, die zu niedrigeren Umwelt- und Sozialstandards erzeugt werden.
Und selbstverständlich braucht es lange Übergangsfristen für die Betriebe, die nach dem bisherigen Willen der Politik hohe Summen in eine international wettbewerbsfähige Veredelung investiert haben.



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Re: Agrarexporte

Beitrag von Nakati » 04.11.2019, 12:06

Manfred:
schau mal dieses Video an, wenn du findest der export von europas Legehennen ist sinnvoll...



Manfred
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Re: Agrarexporte

Beitrag von Manfred » 04.11.2019, 13:21

Ab ca. 0:55:
"For the third of the population living under the poverty line, the low prices are a godsend.
But for the local farmers, it only means more competition."

"Für das Drittel der Bevölkerung, das unter der Armutsschwelle lebt, sind die niedrigen Preise ein Gottesgeschenk.
Aber für die lokalen Bauern bedeutet es nur mehr Konkurrenz."

Dieser Satz fasst den Interessenwiderspruch in den Importländern, wie von mir bereits dargestellt, doch gut zusammen.
In Benin genau wie in der EU. In der deutschen Berichterstattung lässt man das gerne weg.
Hier scheint das Hauptinteresse zu sein, der heimischen Veredelungswirtschaft bei jeder Gelegenheit eins reinzuwürgen. Wer dafür am anderen Ende der Welt hungern muss, bzw. welche Länder den bei uns wegfallenden Export zukünftig übernehmen werden (aktuell gibt es eine sehr starke Abwanderung der Veredelungswirtschaft nach Polen und auch weiterhin in die Ukraine, übrigens mit deutschen Fördermitteln...) interessiert hier nicht.

Auch das, was ich sinnvoll finde, habe ich bereits gesagt:
Sinnvoll fände ich, vor unserer eigenen Haustür zu kehren und unsere Versorgung mit Agrarprodukten auf regenerative Produktion umzustellen.
Was die Bevölkerung bzw. Regierung von Benin entscheidet, ist in erster Linie deren Sache. Ich habe kein Interesse, ihnen Vorschriften zu machen.



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Re: Agrarexporte

Beitrag von Manfred » 04.11.2019, 13:47

Ergänzung:
Weder möchte ich, dass irgendein Mensch hungern muss, noch möchte ich irgendeinem Bauern etwas Schlechtes. Der Ausweg für Länder wie Benin kann letztlich nur in wirtschaftlicher Entwicklung außerhalb der Landwirtschaft liegen, um die existenzielle Armut zu überwinden. Der Strukturwandeln durch die Rationalisierung und dem damit verbundenen Kostendruck in der Landwirtschaft wird sich auch dort nicht aufhalten lassen.
Ob die Entscheidung in der EU, den Strukturwandel durch Subventionen zu bremsen, gut war, weiß ich nicht. Wenn ich mir die Landwirtschaft in Neuseeland ansehe, wo man entscheiden hat, nicht zu subventionieren, wird dort ohne Subventionen naturnäher und wirtschaftlicher produziert als in D.
Hier hat die Subventionierung extreme Verzerrungen und hohe Investitionen in dauerhaft subventionsabhängige Produktionsformen bewirkt und uns eine NGO-Industrie beschert, die ständig und prioritär bemüht ist, ihren Anteil an der staatlichen Umverteilung zulasten der Landwirtschaft zu vergrößern. Letztlich haben wir so mehr Probleme geschaffen als gelöst.



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Re: Agrarexporte

Beitrag von Nakati » 05.11.2019, 07:27

Manfred hat geschrieben:
04.11.2019, 13:21
Ab ca. 0:55:
"For the third of the population living under the poverty line, the low prices are a godsend.
But for the local farmers, it only means more competition."

"Für das Drittel der Bevölkerung, das unter der Armutsschwelle lebt, sind die niedrigen Preise ein Gottesgeschenk.
Aber für die lokalen Bauern bedeutet es nur mehr Konkurrenz."
...
es kommt immer drauf an in welchem Zeitrahmen du es anschaust: Was passiert mit den Bauern die nicht mehr Kostendeckend wirtschaften können? =>Slumbewohner.
Was passiert mit den regionalen Wertschopfungsketten?
Manfred hat geschrieben:
04.11.2019, 13:47
... Der Ausweg für Länder wie Benin kann letztlich nur in wirtschaftlicher Entwicklung außerhalb der Landwirtschaft liegen, um die existenzielle Armut zu überwinden. ...
Vielleicht ist dir bewusst dass das ganze Kleiderverschenken nach Afrika fast die ganze Textilindustrie (und somit Arbeitsplätze, Wertschöpfungsketten... ) zerstört hat? Die meisten Textilien in Afrika wurden in China gedruckt...



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Re: Agrarexporte

Beitrag von Manfred » 05.11.2019, 11:56

Ja, natürlich ist mir das bewusst. Aber was ist denn dein Lösungsszenario?
Entweder diese Länder lassen billige Lebensmittel ins Land oder sie errichten einen Außenschutz.
Im ersten Fall können kleinbäuerliche Strukturen nicht bestehen und im zweiten Fall hungern oder verhungern tausende Menschen.

Welche Entscheidung würdest du dort als Regierung treffen?
Und wenn du dich für den Außenschutz entscheidest: Welche Zukunftsperspektive bietest du den Menschen an? Dass sie dauerhaft in der Armut eingefroren bleiben und dich "wohlhabenderen" sich zwar durch ihre Subsistenzwirtschaft mit etwas Verkauf am Leben halten können, aber keine Perspektive auf Aufstieg haben, auf ein Niveau, wie sie es jeden Tag in den Medien aus anderen Ländern sehen?

In D braucht ein Vollerwerbsbetrieb heute mehrere 30.000er Hähnchenmasteinheiten von denen jede alle 4 Wochen einen Durchlauf schafft.
Was meinst du, was der Bauer in Benin mit seinen 100 Mastplatzen auf dem gleichen Weltmarkt für eine Perspektive hat?

Diesen dramatischen Strukturbruch sehen wir in allen sich entwickelnden Ländern. Ich sehe keinerlei Ausweg, wie sich das verhindern lässt, ohne den Betroffenen gleichzeitig jede Perspektive auf Weiterentwicklung zu nehmen.
Man kann versuchen, diese Entwicklung etwas zu bremsen, wie man es in der EU gemacht hat. Aber ich kann nicht eindeutig feststellen, ob das besser ist.

Was sind denn deine Lösungen für Benin?
Dass wir in D im Alleingang den Export von Geflügelprodukten in Entwicklungsländer verbieten? (Was m.E. nach EU-Recht gar nicht möglich wäre.)
Das würde an der Situation in Benin nichts ändern. Weil die anderen Exporteure unseren kleinen Anteil am Markt dort sofort übernehmen würden.



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Re: Agrarexporte

Beitrag von Nakati » 05.11.2019, 15:47

Das bräuchte eine viel längere Antwort. Jedoch erst ein paar Fragen anstatt einer Antwort:

Wem bringen Freihandelsabkommen etwas?
Und wie fair ist es, wenn der Bauer in Benin seine Baumwolle zu einem tieferen Preis verkaufen muss, weil der Amerikaner Agrarsubventionen kriegt für das gleiche Produkt?

Wieso wurden Regionale Experimente wie das Geld von Wörgl in 1932 verboten? Weil sie die lokalen Strukturen stärken?

Wieso sollte ein Land wie Benin auf Export von Industriegüter gehen statt auf eine kleinbäuerliche Landwirtschaft à la Perkins?

Wieso sind die Länder mit den besten natürlichen Ressourcen die ärmsten?

Wieso werden immer noch so viele "Entwicklungsprojekte/Entwicklungszusammenarbeit" gefördert die die lokalen Strukturen zerstören? Siehe dazu "the Samaritans Dilemma" von Gibson, Andersson, Ostrom. Siehe auch "Dead Aid", Dambrisa Moyo

Wie soll man mit einer Hochkorrupten Regierung zusammenarbeiten, die alles abzwackt was sie nur kann? Soll man überhaupt?
Manfred hat geschrieben:
05.11.2019, 11:56
...
Welche Entscheidung würdest du dort als Regierung treffen?
...
Vermutlich die gleichen wie jeder andere: die, die mir und meinem Clan am meisten bringen. Verstaatlichen, wenn Privatwirtschaft effizienter wäre, und Privatisieren, wenn ich dabei als Oligarchie profitieren kann.
(Hatte mit einem Staatsbeamten von einem sehr Sonnenreichen Afrikanischen Land zu tun, in dem der Strom deutlich teurer als in Europa war. Er reiste immer wieder ins Nachbarland um mehr Strom zu importieren, alles war staatlich organisiert.)
Manfred hat geschrieben:
05.11.2019, 11:56
...
Entweder diese Länder lassen billige Lebensmittel ins Land oder sie errichten einen Außenschutz.
Im ersten Fall können kleinbäuerliche Strukturen nicht bestehen und im zweiten Fall hungern oder verhungern tausende Menschen.
...
Aussenschutz dürfen sie nicht errichten wegen Freihandelsabkommen.
Wieso verhungern Menschen in Gebieten mit den besten Böden?



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Re: Agrarexporte

Beitrag von Manfred » 06.11.2019, 13:26

Noch ein Nachtrag zur Textilbranche. Für diese wird China durch seinen Wachsenden Wohlstand zunehmen zu teuer. Die Betriebe werden längst weiterverlegt, in billigere Ländern Asiens und Afrikas.

Zu Perkins: Was er tut, ist intensive Veredelung, nur auf der Fläche statt im Stall. Das Futter wird zugekauft und die Haltungsbedingungen erfüllen den EU-Biostandard nicht. Trotzdem kann er sehr hochpreisig in der Nische vermarkten.
Um das in Breite umsetzen zu können, müssten in Benin erstmal mind. 95% der Subsistenzbetriebe weg und der Rest der Bevölkerung müsste reich genug werden, sich diese hohen Preise leisten zu können.

Deine restlichen Fragen könnte man evtl. mit "Warum lassen wir immer wieder zu, dass das Böse regiert?" zusammenfassen.
Ich habe mich das mind. 20 Jahre lang gefragt, bis ich auf Savory und das Konzept des ganzheitlichen Managements gestoßen bin.
Es sind die kurzsichtigen, situations- und einzelproblemfixierten Entscheidungen, die wir Menschen gemäß unserer Natur treffen, die dazu führen.
Überwinden lässt sich das nur, wenn wir verstehen, wie wir ticken, und lernen, das zu überwinden.

Und da schließt sich der Kreis. Wenn man keine gute, funktionierende Lösung kennt, richtet es nur noch mehr Schaden an, in "da müssen wir was machen"-Aktionismus zu verfallen. In diesem Fall hieße dass, den eigenen Bauern zu schaden ohne dabei die Situation der Bauern in Benin zu verbessern.

Das genaue Gegenteil ist der ganzheitliche Ansatz, der immer nach dem bestmöglichen Hebel, nach dem effizientesten Einsatz der verfügbaren Mittel, auf dem Weg hin zum angestrebten Kontext sucht.



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Re: Agrarexporte

Beitrag von Viktualia » 07.11.2019, 20:54

Welche Entscheidung würdest du dort als Regierung treffen?
Als "gute" Regierung wäre ich bemüht, an beiden Schrauben zu drehen:
das, was der (nicht- oder vorhandene) Aussenschutz an Nachteilen für die Bevölkerung bringt, reduzieren, rsp. ausgleichen;
das, was an ("guten") vorhandenen Strukturen da ist, schützen und ausbauen.
Ansonsten bliebe ich ja im "unsystemischen" Entweder/Oder - Ding stecken. Mit einem
Ansatz, der immer nach dem bestmöglichen Hebel, nach dem effizientesten Einsatz der verfügbaren Mittel, auf dem Weg hin zum angestrebten Kontext sucht.
allein komm ich/man nicht wirklich weiter, "ganzheitlich" ist es ja erst, wenn beide Seiten Beachtung finden.

Ne Lösung für Benin würde ich der dortigen Mentalität (des Volkes, nicht der Regierung) anpassen wollen;
frei assoziiert käme mir für das Hühnerproblem so was wie ne "Trennung" der Versorgung von Ballungsgebieten und ländlichen Gegenden als erstes in den Sinn.

Ich möcht da jetzt nochmal bissl "philosophieren" und den Unterschied zwischen dem "regenerativen Denken" eines Landwirtes und dem gewohnten "Gehorsamsdenken" beschreiben, wie ich es sehe:
diese "Entweder/Oder" Mentalität hat ja viel damit zu tun, "beherrrscht" zu werden, als Volk nix zu sagen zu haben, kein Training in Eigenverantwortung zu haben.

Wenn es darum geht, etwas ganz real in die Tat umzusetzen, ist es ja tatsächlich und ganz grundsätzlich eine Frage von:
Entweder so - oder anders.
Aber da, wo Entscheidungen getroffen werden, wo Pläne entstehen, da MUSS es anders sein (können).
Ich sollte in der Lage sein, den Spielraum des Denkens zu nutzen - und in (m)einem Kopf ist alles möglich, gleichzeitig.
Ich kann - und muss, meine Pläne für gutes wie auch für schlechtes Wetter gemacht haben, als Landwirt.
Denn, im Gegensatz zum König, kann ich nicht bestimmen, wie es wird.
(Kann der König auch nicht, aber der konnte halt sein "Entweder" konsequent durchziehen, als "Herr der Ressourcen").

Es geht ja nicht um Philosophie, es geht darum, flächendeckend verantwortlich zu handeln.

Und sich einzugestehen, dass wir das nicht wirklich gewohnt sind und heutzutage zwar die Möglichkeit haben, aber lieber konsumieren,
als, naja, frei zu denken, zu handeln, zu lieben und Verantwortung für unser Tun zu übernehmen,
wäre ein nötiger Anfang.

Die Methoden der Regenerativen Landwirtschaft, rsp. diese "praktische Ganzheitlichkeit", verschieden Systeme als vernetzt betrachten und nutzen, anstatt ausnutzen zu können, sind auch für andere Lebensbereiche enorm wichtig.

Möge dieser "Agrarexport" gedeihen und auch andere Felder befruchten können.



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